Alkohol Wirkung – Weshalb das Suchtmittel so gefährlich ist

Unter der Zwei-Phasen-Wirkung im Körper versteht man, dass nach dem Trinken von Alkohol anfangs eine kurze angenehme Wirkung zu spüren ist, der eine lange unangenehme Wirkung folgt.

Gaspedal und Bremse im Belohnungszentrum

Sprichwörtlich heißt es oft, dass einem Alkohol zu Kopf steigt, dabei trifft dies den Sachverhalt sehr genau. Die Wirkungsweise von Alkohol im Gehirn ist bis heute noch nicht restlos erforscht. Bis vor kurzem nahm man noch an, dass Alkohol ausschließlich eine Dämpfung im Gehirn bewirkt. Der aktuelle Stand von Alkoholforschern sagt jedoch aus, dass Alkohol, ebenso wie Medikamente mit Suchtpotential, darüber hinaus in das komplizierte Gleichgewicht von hemmenden und aktiven Neurotransmittern zwischen den Nervenzellen im Belohnungszentrum unseres Gehirns eingreift. Das Belohnungszentrum des Gehirns ist zuständig für die Motivations- und Antriebsfunktion und somit auch zuständig für Lust- und Unlustgefühle des Menschen. Hier arbeiten aktivierende Neurotransmitter, wie Glutamat oder Dopamin, als Art »Gaspedal« und hemmende Neurotransmitter, wie GABA oder Serotonin, als Art »Bremspedal«. Je nach Situation werden aktivierende oder hemmende Neurotransmitter in unserem Belohnungssystem ausgeschüttet und sorgen für einen angenehmen Gefühlszustand. Dabei ist wichtig, dass Gaspedal und Bremse situationsangemessen im Gleichgewicht zueinanderstehen (vgl. Lindenmeyer, 2016, S. 52f).

Der Suchtmechanismus

Alkohol und andere Drogen bringen das Gleichgewicht im Belohnungszentrum unseres Gehirns durcheinander, was entscheidend für eine Suchtentwicklung ist. Dabei wird folgende Zwei-Phasen-Wirkung entfaltet (vgl. Lindenmeyer, 2016, S. 54f):

Als Erstes entfaltet sich die angenehme Hauptwirkung, wobei man sofort eine angenehme Wirkung spürt, welche allerdings nur kurz andauert. Die Dauer hängt davon ab, wie lange der Blutalkoholspiegel im Körper nach dem Trinken von Alkohol ansteigt. Dabei werden vermehrt Neurotransmitter im Belohnungszentrum des Gehirns ausgeschüttet. Je nach Situation und Trinkmenge wird dies vom Betroffenen als Beruhigung, Schmerzlinderung, Entspannung, Stärkung, Enthemmung oder als Stimmungshoch erlebt (vgl. Lindenmeyer, 2016, S. 54f).

Als Zweites entfaltet sich die unangenehme Wirkung, welche langsam einsetzt und sich als gering ausgeprägte, dafür aber anhaltende unangenehme Wirkung äußert. Anders als bei der angenehmen Hauptwirkung setzt das Unangenehme erst ein, sobald der Alkoholspiegel im Blut wieder zu sinken beginnt. Als Folge des Alkoholabbaus in der Leber entsteht wie bereits erwähnt das äußerst giftige Acetaldehyd. Gemeinsam mit dem Hormon Adrenalin entstehen Stoffe, die „TIQ“ und „THBC“ genannt werden, welche wiederum für eine mangelnde Endorphinaktivität im Gehirn verantwortlich sind. Je nach Situation wird dies als Unlust, Unruhe, Gereiztheit, Verstimmung, Depression oder Kater vom Betroffenen erlebt (vgl. Lindenmeyer, 2016, S. 54f).

Zum Beispiel kommt es nach drei Flaschen Bier zu einer circa einstündigen deutlich angenehmen Hauptwirkung, anschießend aber zu einer circa zwölfstündigen unangenehmen Nachwirkung. Auch bei allen Medikamenten mit Suchtpotential, zu denen Schlaf-, Beruhigungs-, Schmerz- und Aufputschmittel zählen, findet diese Zwei-Phasen-Wirkung statt. Der einzige Unterschied zwischen den einzelnen Suchtmitteln, wobei man dabei von einem Mittel spricht, bei dem die Zwei-Phasen-Wirkung bei erneuter Einnahme der Substanz gestoppt wird, ist die Dauer und Heftigkeit der Haupt- und Nachwirkung. Wer sich also ein Suchtmittel kauft, zahlt also für die angenehme Hauptwirkung, aber auch für die geringfügige, dafür aber langanhaltende unangenehme Nachwirkung. Genau diese Zwei-Phasen-Wirkung macht das Suchtpotential einer Substanz aus. In der folgenden Grafik ist zu sehen, dass auf die kurze angenehme Hauptwirkung eine langfristig unangenehme Nachwirkung folgt (vgl. Lindenmeyer, 2016, S. 54f).

Abbildung 5: Die Zwei-Phasen-Wirkung von Alkohol (Lindenmeyer, 2016, S. 54)

Entzugserscheinungen

Die Entzugserscheinungen führen dazu, dass der Betroffene nach einer längeren Zeit in eine Art Teufelskreis gerät, denn nach einer wiederholten Einnahme des Suchtmittels kommt es zu einer Auftürmung der unangenehmen Nachwirkungen. Diese können sich beim Alkohol in Form von Entzugserscheinungen wie Zittern, Schwitzen, Erbrechen und Unruhe äußern und sorgen für eine immer stärkere Versuchung erneut zum Suchtmittel zu greifen. Die unten abgebildete Grafik zeigt, dass bei wiederholter Einnahme des Suchtmittels sich die unerwünschten Nachwirkungen auftürmen (vgl. Lindenmeyer, 2016, S. 55).

Abbildung 6: Entstehung von Entzugserscheinungen (Lindenmeyer, 2016, S. 54)

Verstärke Entzugserscheinungen bei MEOS

Die meisten Betroffenen, bei denen es sich in den häufigsten Fällen um Abhängige handelt, weisen verstärkte Entzugserscheinungen auf. Die Leber verfügt in diesen Fällen auch meist über den Abbauweg MEOS, wodurch man schneller aber auch viel heftiger in den Teufelskreis von Haupt- und Nebenwirkungen schlittert. Durch dieses System wird nämlich nicht nur der Alkohol, sondern auch Methanol, welcher sich in unterschiedlichen Mengen in jedem alkoholischen Getränk enthalten ist, abgebaut. Dabei entsteht Formaldehyd, welches die Bildung der Stoffe »TIQ« und »THBC« verstärkt, durch die die unangenehmen Nachwirkungen entstehen. Dadurch wird erreicht, dass nach dem Konsum von Alkohol ein noch größerer und längerer Mangel bei der Ausschüttung von Neurotransmittern im Belohnungszentrum des Gehirns entsteht. Die folgenden Grafiken sollen den Vergleich zeigen, wie das Enzym MEOS die angenehme Haupt- und die unangenehme Nachwirkung beeinflusst (vgl. Lindenmeyer, 2016, S. 55).

Abbildung 7: Der Suchtmechanismus von MEOS (Lindenmeyer, 2016, S. 54)

Bei nicht abhängigen Trinkern ist die unangenehme Nachwirkung nach der angenehmen Hauptwirkung nicht so stark und so lang, wie bei Abhängigen mit MEOS. Dass Alkoholiker beim Versuch scheitern kontrolliert zu trinken, kann zu einem gewissen Teil auf die Tatsache zurückgeführt werden, dass sie durch MEOS biologisch anfälliger sind, zur Überwindung der unangenehmen Nachwirkung erneut Alkohol zu konsumieren. Ein weiterer Grund dafür ist, dass Alkoholabhängige aufgrund ihres nur langsam wieder normalisierenden Neurotransmittermangels unter einem besonders hohen Rückfallrisiko leiden (vgl. Lindenmeyer, 2016, S. 56).

Vorsicht bei alkoholfreiem Bier

Zusätzlich ist zu erwähnen, dass auch sogenanntes »alkoholfreies Bier« Methanol enthält, wodurch für Abhängige die Gefahr besteht, ein Verlangen nach der Wirkung von richtigem Alkohol auszulösen. Man sollte auch nicht vergessen, dass in »alkoholfreiem Bier« etwas Alkohol enthalten ist, weshalb bei konsequenter Alkoholabstinenz darauf verzichtet werden sollte.

Toleranzsteigerung

Man spricht von einer Toleranzsteigerung, sobald sich der Körper mit der Zeit an ein Suchtmittel gewöhnt hat und somit immer größere Mengen davon verträgt. Daher ist es auch möglich, dass Alkoholabhängige mit einem Blutalkoholspiegel von über 4 Promille noch gerade sitzen können, wenn sie nicht sogar im Extremfall noch Auto fahren können, währenddessen normale Trinker bereits bewusstlos sind beziehungsweise sogar in Lebensgefahr schweben. Die Toleranzsteigerung von Alkohol ist bis um das Doppelte möglich, bei Medikamenten hingegen bis hin zum Zwanzigfachen. Auf der anderen Seite benötigen Abhängige im Laufe ihrer Suchtkarriere immer mehr Suchtmittel, damit sie dieselbe Wirkung erzielen können. Eine körperliche Toleranzsteigerung kann auf zwei Arten zustande kommen.

Erstens wird eine Toleranzsteigerung durch die sich auftürmende Nachwirkung erzielt. Dabei muss ein Alkoholabhängiger eine gewisse Menge an Alkohol konsumieren, um aus den unerwünschten Nachwirkungen wieder in die erwünschte Hauptwirkung zu gelangen. Durch deutliche Entzugserscheinungen benötigt somit ein Alkoholabhängiger oftmals eine nicht unerhebliche Alkoholmenge, um sich wieder »normal« zu fühlen. Damit er den angenehmen Gefühlszustand von Alkohol erreichen kann, müsste er noch mehr Alkohol trinken. Genau dieser Effekt der Toleranzsteigerung führt dazu, dass sogenannte Spiegeltrinker für das Bewältigen ihres Alltags immer einen bestimmten Blutalkoholspiegel benötigen. Erst nach einer längeren Zeit der Abstinenz spüren Spiegeltrinker die Alkoholwirkung wieder sofort, wobei die meisten überrascht sind, wie stark die Wirkung wirklich ist.

Weiters kann eine körperliche Toleranzsteigerung durch den schnelleren Abbau von MEOS erzielt werden. Um den Alkohol schneller abbauen zu können, bildet die Leber das Enzym MEOS. Diese Maßnahme lernt der Körper des Betroffenen mit der Dauer des Alkoholkonsums. Dadurch ist es selbst einem Gewohnheitstrinker möglich, bereits nach kurzer Zeit mehr Alkohol zu vertragen, als beim allerersten Alkoholkonsum in seinem Leben. Dieser Effekt, dass der Körper mehr Alkohol verträgt, bleibt selbst nach längerer Abstinenz bestehen, da der Körper die Möglichkeit behält, das Enzym MEOS zu bilden, nicht mehr vergisst. Die folgende Grafik zeigt, dass ein Abhängiger immer größere Alkoholmengen benötig, bis er wieder die angenehme Hauptwirkung erlebt, angesichts der aufgetürmten Nachwirkungen.

Abbildung 8: Toleranzsteigerung bei Suchtmitteln (Lindenmeyer, 2016, S. 57)